Westfälische Nachrichten, 10. Dezember 2009
Standortanalyse erst abwarten
UBG/Grünen-Antrag zurückgezogen
Gefahr durch die Nordumgehung? Kritiker sehen sich durch den Keimbefall bestätigt.
(Karikatur: Heinrich Schwarze-Blanke)
Nottuln - Ist die aktuelle Keimbelastung der Trinkwasserbrunnen ein Indiz dafür, dass auch von der geplanten Umgehungsstraße Schadstoffe direkt ins Grundwasser gelangen können? Diese Frage spielte am Dienstag (8. Dezember) im Betriebsausschuss eine Rolle, schließlich lag ein gemeinsamer Antrag von UBG und Grünen vor. Der Betriebsausschuss sollte beschließen, dass „die Umgehungsstraße in hohem Maße die Existenz des Wasserwerkes gefährdet“. Vorweg gesagt: Über diesen Antrag wurde nicht abgestimmt, denn UBG und Grüne zogen ihn fürs erste zurück. Zunächst sollen jetzt die Ergebnisse der geplanten Standort- und Nutzungsanalyse abgewartet werden.
Rund 25 Bürger, darunter auch mehrere Ratsmitglieder, nahmen an der Sitzung teil und wurden zunächst von einem CDU-Antrag auf Nichtöffentlichkeit überrascht. Obwohl der Antrag mit breiter Mehrheit gebilligt wurde, fand der sehr souverän auftretende Ausschussvorsitzende Moritz Hegemann einen Weg, zunächst die Sitzung öffentlich fortzuführen. So konnten auch die Bürger den ausführlichen Bericht des Werkeleiters direkt verfolgen.
Nach dem nicht öffentlichen Intermezzo begründete UBG-Ratsmitglied Karl Hauk-Zumbülte den Antrag und sprach von „Tatsachen“: Oberflächenwasser könne in die Tiefe gelangen, Fachleute (Prof. Tröger) hätten auf die außerordentliche Komplexität des Nonnenbachtals hingewiesen, der Schadensfall Hidding habe gezeigt, dass sich auch unterhalb der Umgehungsstraßentrasse Absenkungstrichter befinden. Nicht zuletzt wies Hauk-Zumbülte darauf hin, dass Nonnenbach und Mühlenteich trocken gefallen seien. Trotz der Pumpmaßnahmen des Wasserwerkes habe es beinah eine Woche gedauert, bis der Mühlenteich wieder gefüllt gewesen sei. Fazit von Karl Hauk-Zumbülte: In Trockenzeiten sei der Nonnenbach wie ein Schwamm, in dem das Oberflächenwasser bis zum Grundwasser versickere. Andere Überraschungen ließen sich nicht ausschließen. „Das muss überprüft werden. Es ist ein frommer Wunsch, dass von der Umgehungsstraße keine Gefährdung ausgeht.“
Ähnlich äußerten sich auch mehrere Bürger in der Sitzung. Und Peter Steil vom Bürgerverein erinnerte CDU und SPD an ihre Aussagen, bei einer möglichen Gefährdung des Wasserwerkes die Meinung zur Ortsumgehung neu zu überdenken.
Georg Schulze Bisping (CDU) kommentierte die Aussagen von Karl Hauk-Zumbülte als „richtige Beobachtungen, aber falsche Rückschlüsse“. Paul Leufke (CDU) sah zwischen der aktuellen Keimbelastung und der Umgehungsstraße keinen Zusammenhang, machte aber auch deutlich, dass man ohne weitere Untersuchungsergebnisse nicht über den Antrag von UBG und Grünen entscheiden könne. Eine Vertagung sei daher sinnvoll.
Die Notwendigkeit weiterer Untersuchungsergebnisse sahen auch die anderen Ausschussmitglieder. Manfred Gausebeck (SPD) beispielsweise sprach von Bedenken, die man ernst nehmen müsse. Deshalb sollte die geplante Standort- und Nutzungsanalyse auf das gesamte Wassergewinnungsgebiet ausgeweitet werden.
Die Gemeindewerke wollen nun bis zur Ratssitzung nächste Woche die Kosten für diese nun größere Untersuchung ermitteln, damit der Rat abschließend entscheiden kann. UBG und Grüne zogen ihren Antrag bis auf Weiteres zurück.
Nach Auskunft des Werkeleiters dauert die Erstellung der Wasser- und Nutzungsanalyse rund sechs Monate.
Wasserwerk: Neue Analyse geplant

Franz-Josef Barth kontrolliert im Wasserwerk die Durchlaufzahlen.
Die schmalen Register im Vordergrund zeigen an, dass alle vier Pumpen in Betrieb sind.
Demnächst wird er auch ein Auge auf die UV-Desinfektionsanlage haben.
(Foto: Dieter Klein)
Nottuln - Die Verunreinigung der Trinkwasserbrunnen hat die Gemeindewerke veranlasst, neue Vorsorgekonzepte zur Sicherung des Trinkwassers in Angriff zu nehmen. „Die Langzeitverkeimung muss zu einem Umdenken in der zukünftigen Versorgungsstrategie führen“, betonte Werkeleiter Peter Scheunemann am Dienstag (8. Dezember) im Betriebsausschuss. Parallel zu der Schadensbekämpfung in den vergangenen drei Wochen hat die Werkeleitung mehrere zukunftssichernde Maßnahmen eingeleitet.
Per Dringlichkeitsbeschluss wurde eine UV-Desinfektionsanlage für das Wasserwerk bestellt. Durch diese Anlage können zuverlässig eventuelle Keime im Trinkwasser abgetötet werden. Die Gemeindewerke haben diese Technik einer Chloranlage den Vorzug gegeben, weil es sich um eine physikalische Desinfektion handelt, das Wasser also frei von Zusatzstoffen bleibt. Außerdem ist die UV-Anlage in der Anschaffung (16 500 Euro) und im Betrieb kostengünstiger als eine Chloranlage. Die neue Desinfektionsanlage soll noch in diesem Monat installiert und in Betrieb genommen werden.
Zweitens haben die Gemeindewerke für eventuelle Notsituationen (Keimbelastung trotz UV-Anlage) eine mögliche Chlorung des Leitungsnetzes optimiert. Für diese sogenannte Notchlorung wurde Kontakt mit einer Fachfirma in Haltern aufgenommen, die bei Bedarf sofort zur Verfügung steht. Innerhalb weniger Stunden, so Scheunemann, könne eine Notchlorung, sowohl ortsteilbezogen als auch für das gesamte Netz, durchgeführt werden.
Drittens haben die Gemeindewerke die Erstellung einer sogenannten Standort- und Nutzungsanalyse vorgeschlagen. Bei dieser Analyse wird durch Prüfung der örtlichen Gegebenheiten, durch umfangreiche Wasseranalysen und hydrochemische Auswertungen ein „gebietsspezifisches Gefährdungspotenzial“ für mikrobielle Verunreinigungen ermittelt. Einfach gesagt: Fachleute prüfen, wo möglicherweise unerwünschte Stoffe in den Grundwasserleiter gelangen können, und geben Empfehlungen, wie sich dieses Risiko minimieren oder ganz ausschalten lässt, beispielsweise durch eine Vergrößerung der Schutzzonen oder durch Einschränkungen in der Bewirtschaftung. Die geplante Untersuchung soll auch den Nonnenbach berücksichtigen und prüfen, ob in den Nonnenbach eingeleitete Stoffe auch im Rohwasser der Förderbrunnen nachzuweisen sind.
Grundsätzlich stimmte der Betriebsausschuss einstimmig dieser Maßnahme zu. Offen ist aber noch die Größe des Untersuchungsgebietes. Die Gemeindewerke hatten ursprünglich nur an den nördlichen Bereich des Trinkwassergewinnungsgebietes gedacht, also dort, wo die Keimbelastung aufgetreten ist. Die Kosten lägen in diesem Fall bei etwa 38 000 bis 43 000 Euro.
Wunsch der Politik ist es aber - auch wegen der Umgehungsstraßendebatte -, dass für das komplette Wassergewinnungsgebiet inklusive der südlichen Flächen eine solche Analyse erstellt wird.
Die Gemeindewerke wollen nun bis zur Ratssitzung nächste Woche die Kosten ermitteln, damit dann der Rat abschließend entscheiden kann.
Dass die Gemeindewerke beim Umgang mit diesem Schadensfall sehr umsichtig gehandelt haben, wurde am Dienstag zum Ende der Ausschusssitzung ausdrücklich betont. Der Werkeleitung wie auch den Mitarbeitern sprach der Betriebsausschuss ein dickes Lob aus.
Ursache ist weiterhin ein Rätsel

Aus großen Steigrohren wird Wasser nach draußen gepumpt.
Winfried Gausepohl schleppt das Signum des Wasserwerks zu einer Ausstellungswand.
(Foto: Dieter Klein)
Nottuln - Vermutungen gibt es viele, belastbare Beweise nur wenige. Fakt ist: Mehrere Trinkwasserbrunnen des Nottulner Wasserwerkes sind seit dem 13. November in unterschiedlichem Maße mit bakteriellen Keimen belastet. Woher diese Keime kommen, ist trotz umfangreicher Maßnahmen zur Ursachenforschung weiterhin ein Rätsel. „Wir haben bislang keine konkrete Eintragsquelle gefunden“, berichtete Peter Scheunemann, Leiter der Nottulner Gemeindewerke, am Dienstag (8. Dezember) im Betriebsausschuss.
Der Werkeleiter gab dem Ausschuss einen umfangreichen Bericht, wie die Gemeindewerke mit diesem Schadensfall bislang umgegangen sind. Die eingeleiteten Bekämpfungsmaßnahmen - Chlorung des Leitungsnetzes, Spülung der Brunnen durch Abpumpen des Wassers - werden weiterhin als richtige Maßnahmen angesehen. Die Ableitung des Wassers über den Nonnenbach ist aus Sicht der Gemeindewerke unproblematisch, da durch die schnelle Ableitung eine erneute Belastung des Grundwassers nicht gegeben sei.
Für die Ursachenfeststellung haben die Gemeindewerke, die im engen Kontakt mit allen relevanten Fachbehörden stehen, zahlreiche Maßnahmen ergriffen. Alle bislang durchgeführten Begehungen vor Ort, die Prüfung von Höfen, Güllebehältern und Bewirtschaftungsmaßnahmen, mikrobielle Untersuchungen sowie die Prüfung vorhandener Abwasseranlagen und Hausbrunnen haben aber noch nicht zu einer Identifizierung der Ursache geführt. Ob der Grund für die Keimbelastung jemals gefunden wird, bleibt offen.
Der wirtschaftliche Schaden für das Wasserwerk beträgt derzeit eine fünfstellige Summe. Die Kosten für die Analysen, für den Strom der Pumpen, für den Einsatz von Prüf- und Beratungsfirmen belaufen sich bislang auf 15 000 Euro, bis Jahresende dann wohl auf geschätzt 25 000 Euro. Nicht eingerechnet ist bislang der Arbeitsmehraufwand der Mitarbeiter des Wasserwerkes.
Erfreulich ist aus Sicht der Gemeindewerke, dass mit den Stadtwerken Coesfeld, die derzeit das Trinkwasser für Nottuln liefern, eine kostenneutrale Regelung gefunden wurde. Nottuln bezieht jährlich 400 000 m3 Wasser aus Coesfeld. Diese Menge wird ab Mittwoch (9. Dezember) überschritten. Die Stadtwerke Coesfeld haben zugesagt, den erhöhten Wasserbezug in diesem Jahr mit der Liefermenge in 2010 zu verrechnen. Unterm Strich entstehen daher für Nottuln keine Mehrkosten.
VON LUDGER WARNKE |