15. Mai 2009, Westfälische Nachrichten
Nord-Umgehung: Verlässlichkeit gefordert
Nottuln - Beim Thema Nord-Umgehung kochen seit Jahren die Emotionen hoch. Auch im Betriebsausschuss der Gemeindewerke ging es trotz allen Bemühens nicht immer sachlich zu. Was ein Zuhörer bedauernd auf den Punkt brachte: „Es ist schade, dass diese Debatte die Leute so gegeneinander aufhetzt.“
Gegen die Kritik von Prof. Uwe Tröger nahm Roswitha Roeing-Franke (CDU) Prof. Gerd Lange in Schutz. Die Ergebnisse des Lange-Gutachtens seien von verschiedenen Stellen bestätigt worden. Das Gutachten müsse vor Gericht Bestand haben, im Gegensatz zu den Äußerungen von Prof. Tröger. Der geplante Straßenbau werde weit über die Anforderungen hinaus geschehen, die Bezirksregierung habe die Sicherheit des Wasserwerkes bekräftigt. „Wir haben uns gewissenhaft und lange mit dem Thema beschäftigt, es wird höchste Zeit, dass die Straße gebaut wird.“
Warum sollen die Richtlinien für den Straßenbau, die überall gelten, hier nicht gelten, obwohl sie offensichtlich erfüllt werden, fragte sich Renate Brülle-Buchenau (SPD). Weder das Lange-Gutachten noch die Ausführungen von Prof. Tröger nehme er kritiklos hin, sagte Andreas Winkler (SPD). Wenn man den Umgehungsstraßenbeschluss aber aufhebe, gäbe es auf absehbare Zeit keine Lösung. Das Restrisiko könne man, so gut es geht, absichern, meinte Thomas Hülsken (CDU). Auf der anderen Seite verbessere man die Gesundheit der Menschen im Ort.
Anders äußerten sich die Gegner der Umgehung: Ursula Boldt-Hübner (UBG) forderte ein neues hydrogeologisches Gutachten. Dann solle man die Erteilung der Wasserrechte abwarten und sehen, wie dann die Schutzzonen verlaufen, um anschließend über den Trassenverlauf einer Straße nachdenken zu können.
Dr. Rudolf Bergmann, der sich als Fachmann schon früher kritisch geäußert hatte, stritt wie Prof. Tröger dem Lange-Gutachten ab, ein hydrogeologisches zu sein. „Ein solches Gutachten fehlt noch.“
Angesichts der sich „diametral“ gegenüberstehenden fachlichen Einschätzungen sehe er sich mit dem gesunden Menschenverstand überfordert, das Risiko einzuschätzen, gestand Leo Broloer (SPD). Er werde dem Bürgerantrag deshalb zustimmen.
Für die Grünen war die Sicherheit des Wasserwerkes nicht gewährleistet, deshalb, so Stefan Kohaus, empfehle er, „in dubio pro Wasserwerk“ zu entscheiden und die Straße nicht zu bauen. Zumal er die gewünschte Entlastung bezweifle. Alfred Hübner (UBG) erinnerte daran, dass die Befürworter zugesagt hätten, bei Zweifeln zur Sicherheit des Wasserwerkes ihre Entscheidung zu revidieren.
Die Verlässlichkeit von einmal getroffenen politischen Entscheidungen forderte eine Bürgerin im Sinne des Umgehungsstraßenbaus ein. Die Verlässlichkeit von Versprechungen, die ihm als Grundstückskäufer gemacht worden seien, im Norden werde keine Straße gebaut, forderte ein Anlieger des Bagno ein.
Einen Mittelweg scheint es nicht zu geben, auch wenn ihn sich einige Bürger wünschten. Die Bundesstraße für den Schwerlastverkehr zu sperren, war ein mit Beispielen anderer Orte untermauerter Vorschlag. „Das hat die Politik schon probiert“, erklärte Roswitha Roeing-Franke.
Auch Peter Steil, Vorsitzender des Vereins „Bürger für eine entlastende Verkehrsführung zum Schutze von Mensch, Umwelt und Naherholungsgebiete Nottuln“, meldete sich zu Wort. Das Lange-Gutachten sei in verschiedenen Punkten erschüttert worden. Es enthalte „schwerwiegende Mängel, auf die Sie reagieren müssten“, rief er den Politikern zu.
Nord-Umgehung: Entscheidung in den Rat vertagt
Nottuln - Nach über drei Stunden zum Teil sehr emotionaler Diskussion ist die Sitzung des Betriebsausschusses der Gemeindewerke, die am Mittwochabend in der Mensa des Gymnasiums stattfand, ohne Beschluss zu Ende gegangen. Die Ausschussmitglieder stimmten der Vertagung einstimmig (bei einer Enthaltung) zu, weil man noch eine weitere Stellungnahme vom Landesbetrieb Straßenbau erwartet. Dieser soll mitteilen, welche Bauweise für die Brückenpfeiler vorgesehen ist, um einen Schadstoffeintrag in das Grundwasser zu verhindern, und wie in der Bauphase vorgegangen wird, um hier Kontaminationen auszuschließen. Zwei Punkte, die in einem Fachgespräch mit dem Hydrogeologen Prof. Uwe Tröger (Berlin) am 4. Mai aufgekommen waren. Auf Grundlage der angeforderten Auskunft vom Landesbetrieb soll in der nächsten Ratssitzung am 30. Juni (19 Uhr, von-Aschebergsche Kurie) über den Bürgerantrag entschieden werden. Die Gemeindewerke haben den Landesbetrieb gebeten, zusätzlich einen Mitarbeiter in die Ratssitzung zu schicken.
Josef Flögel, einer der Mitautoren, hatte den Bürgerantrag (wir berichteten) noch einmal kurz vorgestellt. Schon früher habe man auf Gefahren für das Grundwasser hingewiesen, die aus den hydrogeologischen Verhältnissen des Nonnenbachtals herrühren. Diese seien durch Untersuchungen von Prof. Tröger erhärtet worden. Dieser hatte - wie berichtet - dem Gutachten von Prof. Gerd Lange erhebliche fachliche Mängel bescheinigt. Das Gutachten sei kein hydrogeologisches, sondern ein Straßenbaugutachten.
Die Bürger, die den Antrag gestellt hatten, wiesen zudem darauf hin, dass ab 2011 die Wasserrechte neu vergeben werden und in diesem Zusammenhang die heutige Schutzzone III in eine Schutzzone II umgewandelt werden könnte. „Das könnte zu weiteren Kosten oder sogar dazu führen, dass die Rohwasserförderung gestoppt werden muss“, sagte Flögel. Deshalb wolle man den Baulastträger dazu verpflichten, das Risiko zu übernehmen. Eine Forderung, die der Landesbetrieb Straßen NRW - wie ebenfalls bereits berichtet - zurückgewiesen hat.
Nord-Umgehung: „Die Bewertung müssen Sie leisten“
Nottuln - Prof. Dr. Uwe Tröger von der Technischen Universität Berlin führte im Betriebsausschuss der Gemeindewerke noch einmal detailliert aus, welche Risiken er als Hydrogeologe für das Grundwasser sehe, wenn die Straße gebaut werden sollte. Wichtig war ihm dabei, dass er völlig unabhängig von der Straßenplanung und ohne Auftrag von irgendeiner Seite seit 1999 mehrere Untersuchungen durchgeführt hat, „weil das Gebiet hydrogeologisch sehr interessant ist“. Tröger betonte seine Neutralität: „Ich komme aus Berlin. Ob Sie die Straße bauen oder nicht, ist mir ganz egal.“
Der Hydrogeologe sah das erste Problem schon in der Bauphase. Wenn auf dem weichen Untergrund mit schwerem Gerät gearbeitet werde, sei damit ein hohes Risiko bei möglichen Schadstoffeinträgen verbunden. „Ich hoffe, dass der Bauunternehmer dann entsprechend hoch versichert ist.“ Ein weiteres Problem stellen die Pfeilerpaare dar, die so tief gründen, dass sie bis zum Grundwasser hinunterreichen. Hier seien Kontaminationen - auch von anderen Stellen wie der Billerbecker Straße - möglich, wenn Schadstoffe entlang der Pfeiler ins Grundwasser kommen.
Tröger verwies auf „Störungen“ in der Deckschicht, die nicht durchgehend gleich schwer durchlässig sei. Anhand der schwankenden Nitratwerte sei erkennbar, dass Oberflächenwasser irgendwo ins Grundwasser gelange. Für das Lange-Gutachten seien nur punktuelle Bohrungen gemacht worden, um Sicherheit zu gewinnen, müsste man flächenmäßige Untersuchungen durchführen. Ähnliches geltet für die sogenannten „Hangabrissklüfte“, die durch das „Herunterwandern“ der Hänge entstehen. Durch diese Risse könne das Oberflächenwasser - und mit ihm mögliche Kontaminationen - ins Grundwasser gelangen.
Prof. Lange hatte in seiner Stellungnahme darauf verwiesen, dass straßenbauliche Maßnahmen verhindern, dass Wasser von der Straße ins Nonnenbachtal gelange. „Wenn sich alle an die Regeln halten, passieren keine Unfälle“, antwortete Tröger auf eine hierzu gestellte Nachfrage der SPD. „Aber die Erfahrung sagt, dass sich eben nicht alle an die Regeln halten.“
Andreas Winkler (SPD) bat um eine Risikoabschätzung. Die gab Tröger nicht: „Ich weiß nicht, wie viele Autos und wer da herfährt, ich sage nur, wo etwas ins Grundwasser gelangen kann. Die Bewertung müssen Sie selbst leisten.“
Karl Hauk-Zumbülte (UBG) befürchtete, dass bei trocken gefallenem Nonnenbach und einem Starkregen das Wasser statt vom Nonnenbach fortgetragen direkt in den Boden geleitet werde und dann das Grundwasser erreicht. „Wenn der Brunnen 1 voll in Funktion ist, dann würde das Wasser da hinfließen“, bestätigte Tröger.
Dieses Problem bestehe nicht; denn der Brunnen werde nur mit zeitlich und mengenmäßig begrenzter Leistung gefahren, hielt Dr. Rolf Kluge, Berater des Wasserwerkes, dagegen. Außerdem sei er in Unfallsituationen abschaltbar.
VON FRANK VOGEL, NOTTULN |