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ZEIT, 17. Juni 2003
Ausweitung der Stauzone
Deutsche Verkehrspolitiker bauen immer neue Autobahnen,
Ortsdurchfahrten und Umgehungsstraßen. Trotzdem fehlt es den Fahrzeugen
überall an Platz. Die Bilanz einer Fehlplanung.
von Klaus-Peter Schmidt und Fritz Vorholz
Sommerzeit, Reisezeit. Wohl
dem, der dabei nicht den Kölner Autobahnring passieren muss. Über den 52
Kilometer langen Asphaltstreifen um Deutschlands viertgrößte Stadt
schieben sich täglich 360000 Fahrzeuge. Darin sitzen Pendler und Geschäftsleute,
Mütter und Studenten, Lastwagen- und Busfahrer, Sonnen- und
Erlebnishungrige – sie alle treffen sich zum großen stand still. Stoßstange an Stoßstange bilden sie eine Karawane von rund 1700
Kilometer Länge, mehr als die Entfernung von Berlin nach Rom. „Die
Autoflut bringt täglich Staus“, vermeldet Helmut Simon, Leiter der Kölner
Autobahnpolizei.
Nirgendwo in Deutschland lässt sich besser
besichtigen, was jeder Autofahrer sowieso längst weiß: Die deutschen
Verkehrsadern sind verstopft bis zum Infarkt. Die Grundpflicht des
modernen Menschen, flexibel und mobil zu sein, scheitert am vorenthaltenen
Grundrecht auf Auto-Mobilität.
Das belastet jeden Einzelnen, nicht nur
psychisch, sondern auch finanziell. Längere Fahrtzeiten im Berufsverkehr,
behaupten Forscher des Autobauers BMW, hätten die Arbeitszeitverkürzungen
der vergangenen Jahre „weitgehend kompensiert“.
Doch nun verkündet die Bundesregierung,
sie habe ein Mittel gegen den Stau: den Bundesverkehrswegeplan 2003 (BVWP). Anfang Juli wird er dem Kabinett zur Billigung vorgelegt. Danach sollen
bis 2015 rund 150 Milliarden Euro in Straße, Schiene und Wasserwege
investiert werden, um die „dauerhafte Sicherung von Mobilität“ zu
erreichen.
Ein hehres Ziel.
Noch kommt im Kölner Nadelöhr der Verkehr
jährlich 3000-mal zum Erliegen. 2002 hat es dort 4134-mal gekracht, dabei
gab es 9 Tote und 87 Schwerverletzte, zwei von fünf Unfällen hatten mit
Staus zu tun. Ihre schiere Zahl macht aus Fahrzeugen Stehzeuge.
„Mengenstau“, nennt das Kölns oberster Autobahnpolizist Simon.
Zuweilen verstopft so ein Pfropfen nicht nur den Kölner Ring, sondern
vergrößert sich bis in die City oder ins Provinzstädtchen Bergheim.
Merkwürdig: Jahrzehntelang haben Straßenplaner
Bäume abholzen lassen, Schneisen durch Grünzonen geschlagen und keinen
Konflikt mit Umwelt- oder Denkmalschützern gescheut. Vergeblich haben sie
versucht, auf diese Weise den Verkehrsfluss zu sichern – mit der Folge,
dass ihnen die Autolobby jetzt noch mehr abverlangt. Rund 100 Milliarden
Euro jährlich, behauptet BMW, kosteten die „Verkehrsstörungen“ in
Folge von nutzlosem Benzinverbrauch, entgangenen Löhnen, höheren
Warenpreisen. Was sind dagegen jene zehn bis elf Milliarden Euro, die in
der vergangenen Dekade jährlich in Straßen und Brücken investiert
wurden? Weit höhere Investitionen seien „in jedem Fall
gerechtfertigt“, so der bayerische Autohersteller. Zwar ist das
Autobahnnetz in den vergangenen Jahren um ein paar tausend Kilometer
angewachsen. Aber der Verkehr wuchs eben noch stärker. 500 Milliarden
Kilometer legen die Deutschen mittlerweile jährlich in ihren Autos zurück,
sechsmal mehr als 1960. Kein Wunder, dass freie Fahrt ein seltenes
Erlebnis ist.
Warum fährt der Durchschnittsbürger so
viel mehr? Wie vor 40 Jahren bewegt er sich zwischen wenigen Orten hin und
her: seiner Wohnung, dem Arbeits- oder Ausbildungsplatz, dem
Einkaufszentrum, der Kneipe, dem Sportplatz oder dem Kino. Geändert hat
sich nur eines: Um von A nach B zu kommen, legen die Deutschen immer größere
Entfernungen im Auto zurück – oft aus purem Vergnügen. Mehr als 40
Prozent aller zurückgelegten Personenkilometer sind Freizeitverkehr,
Urlaub exklusive. Also wird es eng. Deutschland sei „Stauonien“,
klagte der CDU-Bundestagsabgeordnete Friedbert Pflüger schon vor zehn
Jahren.
Viele Busse und Bahnen fahren derweil gar
nicht mehr oder bleiben halb leer. Wie durch ein Naturgesetz getrieben,
zieht es die Deutschen auf die Straße. Selbst neue ICE-Strecken, wie die
von Hannover nach Würzburg, können laut ADAC das Gedränge auf der
parallel verlaufenden A7 nicht mindern.
Auch im Gütertransport haben Bahn und
Schiff den Anschluss verloren. Von der wachsenden Tonnage konnten sie kaum
profitieren, während die Lastwagen enorme Zuwachsraten verbuchten.
Konsequenz: Auf der Straße konkurrieren Schweine- und
Schraubentransporteure mit Urlaubern und Pendlern um den nötigen Platz
– und wettern, wenn der Verkehr am eigenen Wachstum erstickt.
Vieles ist ohnedies reine
Wahrnehmungssache. Von „Dauerstau“ könne nicht die Rede sein, sagt
Maximilian Maurer, Sprecher des ADAC. Selbst der überwiegende Teil des Kölner
Rings sei „staufrei, was mit unserer subjektiven Wahrnehmung wohl eher
im Widerspruch steht“, haben Stauforscher der Bonner Universität
ermittelt. Auch die Staustudie von BMW kann viele Experten nicht überzeugen.
„An den Haaren herbeigezogen“ nennt Werner Rothengatter,
Verkehrswissenschaftler an der Universität Karlsruhe und Mitglied im
Wissenschaftlichen Beirat von Verkehrsminister Manfred Stolpe, die
alarmierenden Zahlen, mit denen der Ruf nach neuen Straßen begründet
wird. Rothengatter hält die Rede vom mobilen Chaos für „weit übertrieben“
– und das Ansinnen, mit neuen Straßen den Stau völlig zu beseitigen, für
„unsinnig und viel zu teuer“.
Doch wer drinsteckt – vorne Blech, hinten
Blech und mittendrin er selbst – ärgert sich schwarz. Schuld daran ist
aber nicht ein Mangel an Straßen, sondern eine planlose Politik. Sie
begann schon nach dem Krieg, als die Verkehrspolitiker zwar ein modernes
Fernstraßensystem schufen, der Eisenbahn aber nur ein altertümliches
Streckennetz zudachten. Nichts ist seitdem unversucht geblieben, um das
Autofahren noch attraktiver zu machen. Eigenheimzulage und
Pendlerpauschale animieren die Bürger bis heute, aufs Land zu ziehen, wo
nur ein Verkehrsmittel Mobilität gewährleistet: das Auto. Dessen
Benutzung wurde derweil, relativ gesehen, immer billiger: Während Benzin
heute 3,3-mal so viel kostet wie 1960, haben sich die Preise für öffentliche
Verkehrsmittel im selben Zeitraum mehr als verzehnfacht, berichtet das
Umweltbundesamt.
Zu allem Übel hilft es den Autofahrern
nicht lange, mehr Platz zu haben. Neue Straßen erzeugten neuen
Verkehr, der wiederum den Klimawandel beschleunige, zeigen mehrere
Studien. Es sei deshalb an der Zeit, „Mobilität als rar werdendes Gut
gezielter und bewusster einzusetzen als bisher“, schrieben bereits vor
fast zehn Jahren zwei Buchautoren – keine Grünen, sondern die
Unternehmensberater Roland Berger und Hans-Gerd Servatius.
Dazu bedürfte es eines verkehrspolitischen
Masterplans. Und genau der fehlt. „Kampf dem Stau“ heißt zwar die
ehrenwerte Devise der Bundesregierung, doch auch ihr neuer
Verkehrswegeplan kann ihr dabei kaum helfen. Schon seit 1999 wird an dem
Megadokument gebastelt, fast 2000 Bauprojekte sind bewertet worden, gut
1600 sind im Referentenentwurf aufgelistet, 870 davon gelten als
„vordringlicher Bedarf“. Das Verkehrsministerium spricht von einem „äußerst
transparenten Verfahren“. Noch nie seien Bundesländer, Verbände,
Abgeordnete und Öffentlichkeit so früh beteiligt worden.
Kurz: Der Verteilungskampf tobt seit vier
Jahren. Die Bundesländer machen Druck, die Abgeordneten wollen mindestens
eine Ortsumgehung in ihrem Wahlkreis durchsetzen, der ADAC verlangt den
Aus- und Neubau von 5700 Kilometer Autobahn, eine „klare Priorität für
die Straße“ fordert auch Pro Mobilität, die Lobby von Autobranche und
Straßenbauern. Die Freunde der Bahn in der Allianz pro Schiene plädieren
für die „vorrangige Förderung des Schienengüterverkehrs als klare
Zielsetzung“. Und Minister Manfred Stolpe achtet darauf, dass der Osten
nicht zu kurz kommt.
„Wunschzetteldenken“ nennt das der Bund
für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Das Ministerium hält
dagegen, es gebe sehr wohl eine Richtschnur, nämlich die im
Verkehrsbericht vom November 2000 formulierten Vorstellungen für eine
moderne, integrierte und ökologisch verantwortbare Verkehrspolitik. Tatsächlich
wird da definiert, wie das Verkehrssystem der Zukunft sein müsse:
effizient, sozial verträglich, umweltfreundlich. Der Globalisierung müsse
es gerecht werden, der EU-Osterweiterung und dem Aufbau Ost. Auch
„erhebliche Anstrengungen zur Vermeidung von Verkehr“ sind gefordert.
Geschacher zwischen
Bayern und Berlin
In der Praxis setzt politischer Proporz die
Prioritäten. Ein Drittel der Investitionen ist für Ostdeutschland
reserviert, der Rest wird auf die westlichen Bundesländer verteilt.
Vergangene Woche machten sich gleich zwei bayerische Minister auf den Weg
nach Berlin, um mit Staatssekretär Achim Großmann auszuhandeln, wie viel
Geld Bayern zusteht. Zuvor hatte Stolpe bereits in München mit Edmund
Stoiber das Grundsätzliche geklärt.
Am Ende des Verteilungskampfes bleibt
vieles undurchsichtig. Etwa wie es der grüne Abgeordnete Albert Schmidt
geschafft hat, dass der Ausbau der Bahnstrecke Cottbus–Görlitz in die
Kategorie „vordringlicher Bedarf“ hochgestuft wurde. Schleierhaft auch
der angeblich dringende Bedarf eines 7,5 Kilometer langen Kanals zur
Verbindung von Saale und Elbe, wo seit Jahren kaum ein Kahn verkehrt. Die
Baukosten von 80 Millionen Euro seien doch Peanuts, heißt es dazu im
Verkehrsministerium.
Das stimmt zumindest im Vergleich zu den
Baukosten von 1,3 Milliarden Euro für die „Kanzlerautobahn“ zwischen
Magdeburg und Schwerin. Deren Dringlichkeit liegt darin, dass Gerhard Schröder
ihren Bau voriges Jahr im Wahlkampf versprochen hat. Noch drastischer ist
das Beispiel der A4, die das Rothaargebirge durchschneiden soll. Im
Grunde, so heißt es im Hause Stolpe, wolle dieses ewig wiederkehrende
Prestigevorhaben gar niemand ernsthaft verwirklichen. Dennoch steht es im
BVWP.
Im Dutzend hat der BUND Beispiele für eine
verfehlte Straßenbaupolitik aufgelistet. Für ein besonderes Ärgernis
halten die Umweltschützer die 1400 Ortsumfahrungen. Die sind bei
Hinterbänklern des Bundestages beliebte Vorzeigeprojekte. Das
Bundesverkehrsministerium bekam freilich in einer von ihm selbst in
Auftrag gegebenen Untersuchung bescheinigt, dass 60 Prozent der Projekte
nichts oder kaum etwas zur Entlastung der Ortschaften beitragen. Gebaut
wird trotzdem.
Auch mit der amtlich als Fortschritt
gepriesenen Prüfung der Umweltrisiken ist es nicht weit her. Zwar
versichert der Grüne Albert Schmidt, durch die Umweltprüfung seien
„Hunderte von ökologisch problematischen Einzelprojekten ausgemustert,
durch verträglichere Varianten ersetzt oder als zwingend veränderungsbedürftig
gekennzeichnet“ worden. Aber die Prüfung beschränkt sich auf
Naturschutz und gilt nur für Einzelprojekte. Das globale Ziel der
Bundesregierung, die Emissionen von Kohlendioxid zu reduzieren, bleibt
unbeachtet. Der mit dem BVWP programmierte Zuwachs beim Autoverkehr dürfte
die Emissionen bis 2015 hochtreiben – um elf Prozent im Vergleich zu
1997.
Das größte Manko indes: Hinter all den
Projekten für Fernstraßen, Ortsumgehungen, Schienen und Flüsse steht
kein Konzept. „Planung ohne Plan“ nennt das BUND-Sprecher Tilmann
Heuser. Der Wille zur Gestaltung beschränkt sich auf das Verteilen von
Geld, das sich primär am Druck der Lobbys orientiert. Wie mithilfe
staatlicher Investitionen Verkehr verlagert oder vermieden werden soll,
wie der Flächenverbrauch begrenzt werden könnte, wie für weniger Lärm
und für mehr Klimaschutz gesorgt werden könnte – bei der Beurteilung
konkreter Projekte spielt all das eine untergeordnete Rolle. „Immer
mehr Experten bewerten die Projekte in einem immer bürokratischeren
Verfahren, ohne sich um den Gesamteffekt zu kümmern“, kritisiert
Axel Friedrich vom Umweltbundesamt das Vorgehen.
Zu wenige Milliarden für
die Schiene.
Besonders deutlich wird das an der Abwägung
zwischen Schiene und Straße. Seit Jahren sind sich Politiker einig: Der Gütertransport
über lange Strecken sollte auf der Schiene abgewickelt werden. Der
Verkehrsbericht 2000 gibt Aufschluss darüber, warum das nicht geschieht:
Das Schienennetz hat den größten Nachholbedarf unter den Verkehrsträgern.
Mit einer Investitionsoffensive für Abhilfe zu sorgen wäre die
angemessene Annäherung an das Stauproblem. Doch offensichtlich hält es
die Bundesregierung mit Peter Fischer, dem Präsidenten von Pro Mobilität,
der zu wissen glaubt: „Die Verlagerung von Güterverkehr auf die Bahn
ist reines Wunschdenken.“ Die Ausgaben im BVWP werden zwar annähernd
gleich auf Straße und Schiene verteilt. Von dem im rot-grünen
Koalitionsvertrag 1998 gegebenen Versprechen, „möglichst hohe Anteile
des Straßen- und Luftverkehrs auf Schiene und Wasserstraßen“ zu
verlagern, ist aber so gut wie nichts übrig geblieben. Dass das
Schienennetz nach Osteuropa nur minimal ausgebaut werden soll, hält Dirk
Flege, Geschäftsführer der Allianz pro Schiene, für „gigantisches
Politikversagen“.
Immerhin, so der Grünen-Abgeordnete
Schmidt, seien die Zeiten zu Ende, als der Bundesverkehrswegeplan das „Märchenbuch
der Nation“ war. Jetzt stehe nur noch drin, was auch bezahlbar sei. Der
Plan zerstöre zudem die „Illusion, dass wir immer weiter bauen können“,
indem er 60 Prozent der Mittel für Erhaltung und Modernisierung des
Bestandes vorsehe. Natürlich, so der Verkehrspolitiker, wäre es
besser, die Planung an Zielen zu orientieren statt an Projektwünschen.
Aber Schmidt hält das für lebensfremd: „Schließlich müssen die
Bundesländer am Ende zustimmen, das geht nur über den pragmatischen
Weg.“ Von diesem Pragmatismus profitiert jetzt
auch der Kölner Ring. Er bekommt überall mindestens sechs Spuren,
stellenweise sogar acht – allerdings erst in einigen Jahren. Bis dahin,
warnt die Kölner Bezirksregierung, „werden die Baustellen selbst
unvermeidbare zusätzliche Behinderungen und Unfallgefahren mit sich
bringen“. Gute Fahrt! |