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Die Fordernde
Der Teufel hat die Baumberge ins Münsterland gesetzt
von Burkhard Strassmann
Wer in Münster/Westfalen sein Fahrrad aus dem Zug hebt, vor
dem Bahnhof in den Sattel steigt, noch schnell eine Radwanderkarte kauft, das Schloss passiert, den Europa-Radweg
R1 findet, die A 1 quert und dann stur gen Westen fährt, der erwartet nur eins: Äcker und Wiesen, Pferde und Schweine, weizenblonde Menschen, die hinter jedem zweiten Satz »Keäl« sagen (Kerl), wenn sie nicht Pumpernickel mit
Mettendchen essen, vor allem aber Plattheit bis zum Horizont, bis Holland, bis zum Meer. Doch was türmt sich gleich hinter
Roxel? Berge! Die Baumberge. Eine topografische Sensation. Ein lohnenswertes Ziel.
Man sitzt also auf seiner Leeze, wie das Fahrrad hier heißt. Folgt den
Leezewegweisern. Und landet auf einem Pättken. Ein Pättken ist alles zwischen kleiner Asphaltstraße und Matschfurche, Hauptsache, keine Autos. Auf einem Pättken fällt vom Radler sofort aller Stress ab. Die Gedanken werden leicht, die Sinne wach, und plötzlich hört man Vögel: Zwitscherlerchen, Lärmhäher, ganze Finken banden. Die Vögel hört man allerdings nur, wenn man die Kinder daheim gelassen hat. Mit Kindern hört man niemals Vögel, das ist einer der Gründe, deretwegen Deutschland ausstirbt.
Mühelos radelt man durch flache Wiesengründe, Bächlein links. Bächlein rechts, manche stehen, manche rieseln. Dass sich in diesem pottebenen Land Wasser überhaupt bewegt, war lange Zeit ein Rätsel, bis amerikanische Forscher die Erdrotation dafür
verantwortlich machen konnten. Plötzlich steht man, von geifernden Hunden
umringt, auf einem Bauernhof vor einer weizenblonden Bäuerin. Zu viel geträumt. Wegweiser verfehlt. Drei Kilometer retour.
Auf einmal braucht man die Gangschaltung. Die Bäche beginnen zu rauschen. Schweiß tritt auf die Stirn. Der Fuß der Baumberge ist erreicht. 187 Meter ragen sie in die Höhe, eine Barriere, die bezwungen sein will. Der
Volksmund macht den Teufel für diese rätselhafte Geländeformation verantwortlich. Vor Millionen von Jahren soll das Münsterland nämlich ein See voller Seeigel gewesen sein, der
seltsamerweise in Spanien lag. Dann schob der Teufel in den Kontinenten herum und
verfrachtete das Stück Spanien nach Westfalen. Etwas zu stürmisch:
Eine Geländefalte entstand - die Baumberge. Erster Beweis für diese These: Manche Menschen hier sind heute noch schwarzhaarig und glutäugig. Beweis zwei: Man findet auf
Äckern in Coesfeld (Kohsfeld! - nicht Zösfeld, wie durchreisende Bayern sagen) versteinerte Seeigel en masse.
Selbst wer über 21 Gänge verfügt und sich mit »Quäl dich, du Sau!« (Udo Bölts 1997
zu Jan Ullrich) motiviert, gerät irgendwann an einen steilen Dreckweg, der sogar für Pferde verboten ist, und muss schieben. Doch es lohnt sich. Auf dem höchsten Gipfel der Baumberge steht neben zwei Windrädern und einem Telekom-Mast der Longinusturm mit einem Cafe, das zumindest nachmittags geöffnet hat. Von hier oben aus hat man eine
einwandfreie Rundumsicht.
In schneller Schussfahrt geht es dann talwärts. Städtchen und Dörfer steuert man an, die sich ums Bergmassiv gruppieren und deren Namen man kaum ohne Kichern aussprechen kann: Billerbeck; Havixbeck; Nottuln gar (sprich: Noddln oder, wenn man sich ganz und gar assimilieren will: Nddln). Diese Ort fallen durch große Sauberkeit, ja Niedlichkeit auf und gelegentlich durch gelben Sandstein, aus dem beachtliche Kirchen wie unauffällige Einfamilienhäuser
errichtet wurden. Das ist der "Gelbe Baumberger«, der dem Land einst zu bescheidenem Ruhm verhalf. Er lässt sich fast wie Butter schneiden und wurde schon zu Zeiten der Hanse in alle Welt verkauft. Ober die »Sandsteinroute« radelt man nach Havixbeck, wo man das Sandsteinmuseum mit
Cafe nicht auslassen darf. Die komplette Sandsteinroute beschäftigt den Radler mehrere Tage lang, wobei ihn demnächst ein aufsehenerregendes Angebot der Touristischen Arbeitsgemeinschaft Baumberge (TAG) unterstützen wird: Für drei Euro am Tag verleiht die TAG ein Fahrradnavigationsgerät, das an jeder Abbiegung lauthals den Weg weist.
Die »Perle der Baumberge« ist Billerbeck. Nicht wegen des Doms - ein Beispiel, dass man es selbst mit der Gottesliebe übertreiben kann. Auch das Gasthaus Homoet (sprich: Homuht) mit Putenschnitzel in Cornflakesmantel sowie Bolten vom Fass - ältestes Altbier der Welt - legitimiert noch nicht den Superlativ. Es ist das brachiale Kriegerehrenmal hinterm Dom, das eine Billerbecker Initiative in winzigen, aber konsequenten Schritten in eine
"Kapelle der Friedfertigkeit" umwandelt. Schon steht dort neben den Namen der Kriegshelden auch eine Tafel mit den Namen der ermordeten Billerbeckerjuden. Jeden Sonntag um 11.30 Uhr wird hier eine eigens komponierte Friedensmusik gespielt.
Billerbeck ist auch ein guter Ort, sich von den Baumbergen zu verabschieden. Nagelneuer Bahnhof mit Cafe. Eine einspurige "Baumberge-Bahn" mit Fahrradabteil. Dann eine kurvenreiche Fahrt durchs wellige Baumberger Vorland. Im Herzen Sonne. In den Waden Muskelkater. Winkende Bauern. Schwarzhaarig. Glutäugig. |