|
18.12.2001, Sigrid Bürger (Fraktionssprecherin):
Herr Bürgermeister, meine Herren, meine Damen!
Und wieder ist ein Jahr zu Ende - und wieder beginnt
ein allgemeines Wehklagen über unsere miserable Finanzsituation
- und damit verbunden Schuldzuweisungen:
Wer war es denn nun? - Der Bund, das Land oder etwa
doch der Kreis?
Ich muss gestehen, ich kann mich dem auch nicht ganz
entziehen. Es ist wahr: Die Gemeinden werden immer mehr "von oben" belastet
- und leider haben wir hier als kleine ehrenamtliche KommunalpolitikerInnen
nicht immer soviel Einfluss auf unsere Parteifreunde in Land oder Bund,
wie wir uns das manchmal wünschen.
(Auch in anderen Themen hätten gerade
wir als GRÜNE gerne mehr Einfluss auf unsere BundespolitikerInnen...)
Dies jedoch als einzigen Grund für die Nottulner
Finanzmisere hinzustellen, ist nun doch zu kurz gegriffen.
Ich möchte das an einigen Punkten klarmachen:
Zunächst zu dem größten und gleichzeitig
verhängnisvollsten Punkt:
Die Baulandpolitik.
Jahrzehntelang ist man in Nottuln davon ausgegangen,
mit dem Verkauf von Bauland die Gemeindefinanzen aufbessern zu können.
Ich sage in vollem Bewusstsein: davon ausgegangen - wirklich berechnet
wurde es anscheinend nie. In den Anfangsjahren dieser extensiven Baulandpolitik,
als tatsächlich noch ein großer Bedarf an Grundstücken
herrschte, mag diese Rechnung aufgegangen sein.
Später mussten wir leider feststellen, dass mit
dieser "Pi-mal-Daumen-Politik" kein Gewinn mehr gemacht werden konnte und
heute sind wir soweit, uns nur noch mit Schadensbegrenzung beschäftigen
zu müssen.
Und da kann kein Bund, kein Land und auch kein Kreis
was für.
So hat z.B. niemand die Gemeinde gezwungen, im Fasanenfeld
Ackerland zu erwerben, ohne wirklich zu wissen, ob - geschweige
denn wann oder zu welchem Preis - man dies als Bauland werde verkaufen
können -
wohlwissend,
- dass die Hummelbachquellen als schützenswertes
Biotop in diesem Bereich liegen und
- dass landwirtschaftliche Emmissionen eine
Bebauung dieses Geländes verboten, solange die betroffenen bäuerlichen
Betriebe keine einschneidenden Veränderungen vornehmen würden.
Und heute wird ein Baugebiet erschlossen, nur um von den
finanziellen Belastungen eben dieses Ackers herunterzukommen. - Ein Baugebiet,
das nur wenig Ber ührungspunkte mit der jetzigen Bebauung hat und sich
auf absehbare Zeit nicht in die Ortslage integrieren wird.
Doch damit nicht genug:
Im Jahre 1997 überzeugte die SPD große Teile
der CDU bei dem Umgehungsstraßen-Kopplungs-Beschluss von sogenannten
"Netzschlusslösungen" (nur dann wollte die SPD der Umgehungsstraße
zustimmen - und diese Zustimmung brauchte die in diesem Punkt gar nicht so
einige CDU dringend...).
Trotz der heute von niemandem ernsthaft bestrittenen
Erkenntnisse
- dass es die große Planung Nottuln-West
in absehbarer Zeit nicht geben wird,
- dass die sog. "Netzschlusslösungen" von
der Gemeinde finanziert werden müssten, aber nicht finanziert
werden können angesichts ihrer Haushaltslage
und dem sowieso zweifelhaften Gewinn von solchen Stra ßen
fordert vor allem die SPD jetzt das Festhalten an diesem
Beschluss.
Das bedeutet im Falle Fasanenfeld II eine aufwendige
Erschließung von der Außenseite des Baugebietes mit einer großen
Anzahl doppelt erschlossener Grundstücke,
- d.h., viele neue Hausbesitzer werden ihre Zufahrtsstraße
vor der Haustür und eine Durchgangsstraße hinter ihrem Garten
haben;
- d.h. auch, das Verhältnis der Baufläche
zur Erschließungsfläche wird ungünstiger;
- d.h., die Grundstücke werden teurer und sind
schlechter zu vermarkten.
- d.h., eine finanzielle Schadensbegrenzung für
die Gemeinde wird immer schwieriger.
Aber da verzichtet man lieber auf den Kinderspielplatz
als auf diese in unseren Augen wirklich überflüssige Straße.
Wenn sich tatsächlich einmal
zeigen sollte, dass eine Anbindung dieses Baugebietes an die Bundesstraße
technisch möglich und finanzierbar wäre, könnte man diese
auch ohne die sog. "Netzschlusslösungen" realisieren.Sie, meine Damen und Herren von SPD und CDU, müssen
aber an diesen sog. "Netzschlusslösungen" festhalten, koste es was es wolle, andernfalls müssen Sie ja ihren ganzen
Umgehungsstraßenbeschluss in Frage stellen!
Diesen können Sie aber nicht mehr in Frage stellen,
da die Gemeinde kein Entscheidungsrecht bei Planung und Bau der Umgehungsstraße
mehr besitzt.
- Erneut ein Beweis für die Unsinnigkeit ihres
Kopplungsbeschlusses zur Umgehungsstrasse anno 1997
(der uns aber noch lange verfolgen wird).
Zurück zur Baupolitik:
Das zweite neue Baugebiet, das
uns große Sorgen macht und vor allem noch machen wird, ist Appelhülsen
Nord II. Auch hier hat man in einer unglaublichen Blauäugigkeit
ein riesiges Gebiet erworben ohne wirklich über die Konsequenzen nachzudenken.
Wir haben immer vor der Ausweisung eines derartig großen Gebietes gewarnt.
Doch jetzt sind wir wieder mittendrin:
Viel Geld wurde bereits ausgegeben - für den Erwerb von Grund und Boden,
für einen Lärmschutzwall, den man wahrscheinlich auch billiger
hätte haben können, für die gesamte Planung usw. usw. - und
nun sind die Zweifel doch sehr groß, ob man die Grundstücke zu
dem Preis verkaufen können wird, der notwendig ist, nur um von den finanziellen
Belastungen dieses Gebietes herunterzukommen, geschweige denn irgendeinen
Überschuss für die Gemeindekasse herauszuwirtschaften.
Auch hier wird es im Endeffekt
nur noch um Schadensbegrenzung gehen.
Auch in diesem Punkt können
weder der Bund, noch das Land, noch der Kreis etwas für unser Problem.
Das einzige, was die vielleicht
bewirkt haben, ist, dass in der Gemeinde Nottuln jetzt endlich gerechnet wird und nicht länger blind darauf vertraut wird, dass alles immer
so weiter gehen wird wie es immer war... obwohl -
Wenn ich da an das geplante
Sportzentrum an der Dülmener Strasse denke - auch hier wissen wir
bisher ausser ein paar PI-mal-Daumen-Zahlen nur recht wenig. Wie das alles
funktionieren soll - mit dem bislang noch nicht bekannten Investor, der ein
Stadion vorfinanzieren soll, bevor er sich an die Vermarktung von Grundstücken
begibt, deren Vermarktungswert noch niemand kennt - da sind wir doch sehr
skeptisch. Hätte man die von uns favorisierte Lösung gewählt
und zunächst einmal das bestehende Stadion renoviert, so könnten
unsere SportlerInnen zumindest schon in einem funktionstüchtiges Stadion
trainieren und müssten nicht auf eine Lösung warten, deren Realisierung
noch immer in den Sternen steht. (Lieber ein Spatz in der Hand als die Taube
auf dem Dach).
Dass sich auch dieses Projekt
nicht rechnen wird, d.h. dass das neue Stadion nicht allein durch den Verkauf
des bestehenden Stadions finanzierbar ist, ist heute schon klar, auch hier
geht es inzwischen nur noch - wenn überhaupt - um Schadensbegrenzung.
Auch um Schadensbegrenzung
geht es inzwischen nur noch beim Verkauf von Gewerbegrundstücken am Kreisverkehr zwischen Oststraße und Bodelschwinghstraße.
Längst könnte da gebaut sein und die Gemeinde hätte ein Problem
weniger, dafür aber mehr Geld in der Kasse.
Wir verstehen bis heute nicht, was so falsch ist an einer Tankstelle im
Gewerbegebiet am Ortseingang!? Die war Rat und Verwaltung nicht fein genug.
So ist dieses Grundstück
bis heute nicht verkauft und die SPD arbeitet jetzt daran, die Innenstadt
zum Kreisverkehr zu verlegen.
Was dann aus unserem historischen Ortskern wird, die Antwort auf diese
Frage bleibt sie uns leider schuldig.
Große Kosten verursachen
nach wie vor unsere traumhaft schönen historischen Gebäude. Seit Jahren sprechen wir
- über den Verkauf oder
zumindest die Vermietung der Alten Amtmannei;
- über eine bessere Auslastung
von Schulze Frenkings Hof
- über ein Konzept für
die Verwaltungsgebäude
und seit Jahren passiert nichts.
Dass jetzt die CDU erneut
einen Beschluss herbeiführt, die Alte Amtmannei zu verkaufen, obwohl
es diesen Beschluss schon seit langem gibt, spricht weder für die CDU
noch für die Verwaltung. Aber wahrscheinlich war ihnen der letzte Beschluss
nichts wert, da er aufgrund eines Antrages der GRÜNEN zustande
gekommen war....
So langsam vermute ich, dass
die Verwaltung hiermit schlichtweg überfordert ist. Wenn ich die Ausführungen
von Herrn Fallberg zu den Personalkosten der Gemeinde betrachte, so
sieht das auf den ersten Blick zwar toll aus, da wir im Vergleich zu anderen
Gemeinden eine sehr preiswerte Verwaltung haben, aber die Wirklichkeit ist
es wohl auch so, dass unsere Verwaltung personell unterbesetzt und - auch
aufgrund der Räumlichkeiten - nicht optimal ausgestattet ist. Dies
führt zu Verzögerungen in der Verwaltungsarbeit, zu Unzufriedenheit
der MitarbeiterInnen und auch und nicht zuletzt zu Ideenlosigkeit durch Überlastung.
Wir müssen uns gut überlegen,
ob wir hier nicht mehr ausgegeben wollen, um effektiver und damit in der
Konsquenz sparsamer zu arbeiten.
Da nützt es auch nicht wirklich
etwas, den Ansatz für die Pflege der Grünanlagen einfach
herunterzusetzen - Wenn nicht gleichzeitig ein Konzept erarbeitet wird, wie
das gehen soll, sind die Konsequenzen nur ungepflegte Wegränder und
wild-wuchernde Hecken, was sicherlich den Unmut vieler Menschen, die ihrerseits
zu Bürgersteigpflege und Rückschnitt von Hecken aufgefordert werden,
hervorrufen wird.
F ür die Erarbeitung eines
Konzeptes - es gibt ja bislang nicht mal eine Bestandsaufnahme - fehlen aber
die personellen Resourcen.
Apropos Konzept -
Da stellt am 27. November Herr
Petermann die Fortschreibung des Musikschulkonzeptes vor - auf der
Grundlage bestehender Ratsbeschlüsse. Es wird lange diskutiert - vor
allem von Ihnen, Herr Lütkecosmann -, ob es wohl überhaupt möglich
ist, das gesteckte Ziel, sprich die vorgesehenen Einsparungen bis zum Jahr
2005 zu erreichen. Skepsis macht sich breit, aber bislang ist die Musikschule
im Plan und so werden die Musikschulmitarbeiter zuversichtlich entlassen,
nach dem Motto: weiter so!
Doch siehe da, am 6. Dezember
- nur eine gute Woche nach dieser Sitzung - erfahren eben diese Musikschulmitarbeiter
aus der Zeitung: Jungs, ihr müsst bis zum Jahr 2005 mal eben noch 50.000 €
(=100.000 DM) mehr einsparen!
Meine Damen und Herren von der
CDU, ich denke, sie sollten sich jetzt langsam mal entscheiden:
Wollen Sie eine gemeindliche
Musikschule mit all ihren Konsequenzen oder wollen Sie sie nicht?
Wird eine Musikschule in kommunaler
Trägerschaft gezwungen,
- ihre BAT-Kräfte zu
entlassen und nur noch mit schlecht bezahlten Honorarkräften zu arbeiten,
- gleichzeitig die Gebühren
für die Schüler in schwindelerregende Höhen zu steigern oder
den Sozialtarif abzuschaffen und
- womöglich noch die Schüler
zum Geldverdienen von einer Veranstaltung zur anderen zu schicken, wobei
die Schüler selbst hohe Gebühren zahlen müssen, vom Erlös
ihrer Arbeit aber keinen Cent sehen,
dann hat eine gemeindliche Musikschule
ihren Daseinszweck verloren,
dann kann man die musikalische Ausbildung
unserer Kinder besser privaten Anbietern überlassen.
Dann sollte man aber ehrlich
sein und sich jetzt offen entscheiden.
Das Ergebnis, das Sie mit Ihrer
Politik erreichen werden, ist:
- entweder wir haben eine
Musikschule mit unmotivierten MusiklehrerInnen, die sich keiner mehr leisten
kann
- oder das von Ihnen gesteckte
Ziel wird nicht erreicht, und Sie können alle Schuld auf die Musikschule
abwälzen, frei nach dem Motto: Wir wollten ja, aber Sie konnten nicht.
Das ist nicht fair.
Zurück zum Haushalt:
Im letzten Jahr war die Gemeinde
nun zum ersten Mal gezwungen, ein Haushaltssicherungskonzept aufzustellen.
Das Haushaltssicherungskonzept
2002 ist lediglich eine Fortschreibung des Konzeptes aus dem letzten Jahr
und birgt keinerlei neue Erkenntnisse. D.h., dass neuerliche Belastungen,
die von "oben" kommen, in keiner Weise aufgefangen werden konnten und das
Ergebnis verschlechtern.
Was aber dieses Konzept auch
zeigt: Alle Einsparungen im Bereich von Kulturförderung und Ehrenamt,
die den Ehrenamtlichen z.T. sehr weh getan haben, sind Peanuts im Verhältnis
zu anderen Ausgaben bzw. entgangenen Einnahmen im Haushaltsplan.
Sie müssen sich mal vorstellen:
Da hat man nach langen Diskussionen im letzten Jahr die Zuschüsse für
die fünf öffentlichen Büchereien um 1000 € gekürzt -
eine einschneidende Veränderung für alle dort ehrenamtlich Tätigen.
Das ist der gleiche Betrag, der uns in der Kasse fehlt, wenn wir 9 (in
Worten: neun) qm Bauland nicht verkaufen können.
Der Abriss des ehemaligen Chauffeurshauses am Rhodeplatz kostet uns das
37-fache (man hätte es vor Jahren schon verschenken sollen).
Die Finanzen der Gemeinde werden
nicht gerettet, wenn der Imkerverein 100,- DM weniger Zuschuss bekommt -
das Wohl und Wehe unserer Gemeinde hing und hängt - soweit sie
es selbst beeinflussen kann - einzig und alleine an der Bauland- und Immobilienpolitik
- eine Problematik, in die sich die Gemeinde selbst hineinmanövriert
hat und aus der sie auch alleine wieder herausfinden muss!
Leider ist da nach wie vor keine
Lösung in Sicht.
Wir lehnen den Haushalt ab.
Vielen Dank für
Ihre Aufmerksamkeit...
Sigrid Bürger (Fraktionssprecherin) |