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Themen Haushalts- und Finanzpolitik GRÜNE Rede zum Haushalt 2001 zurück zur Startseite
 

19.12.2000, Sigrid Bürger (Fraktionssprecherin):

Herr Bürgermeister, meine Herren, meine Damen!

Vor zwei Wochen war ich in Berlin. Da stand ich auch am Potsdamer Platz - Sie wissen schon, da wo früher die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin verlief - und habe gestaunt! Was da alles entstanden ist in den letzten Jahren - Wohnungen,  Büros, Ladenlokale - groß, bombastisch, beeindruckend. (Am besten fand ich persönlich die Bus-Wartehäuschen mit einem Dach aus Sonnenkollektoren und Internet-Anschluss)
- Und das alles an einem Platz mitten in Berlin, wo 40 Jahre lang nichts war - Niemandsland. Nun, das gab mir Hoffnung - für den Rhodeplatz - der liegt ja erst seit 25 Jahren öd und leer im Herzen von Nottuln!

Während ich in Berlin war für eine Woche, tobte in Nottuln ein Leserbriefstreit zwischen CDU und SPD. Ich finde Leserbriefe immer spannend und bin der Meinung, dass auch Ratsmitglieder viel öfter welche schreiben sollten. Leserbriefe sind immer authentisch und sagen viel über ihre Verfasser oder Verfasserinnen aus.
Nun, es ging in diesen Leserbriefen um den desolaten Nottulner Haushalt. Abgesehen von den üblichen gegenseitigen Schuldzuweisungen (war es nun die rot-grüne Landes- und Bundespolitik oder die schwarze Kommunalpolitik ? - ich persönlich neige ja auch eher zur 2. Annahme...) stritt man sich über die tatsächliche Pro-Kopf-Verschuldung der Nottulner Bürger und Bürgerinnen.
Herr Dieker hatte eine Pro-Kopf-Verschuldung von 3400 DM ausgerechnet, während Herr Küper meinte, so dürfe man das nicht rechnen und kam "nur" auf einen Betrag von 1200 DM.
Natürlich haben Sie, Herr Küper, recht, wenn Sie sagen, man müsse nicht nur die Schulden, sondern auch die erworbenen Vermögen (Grundstücke etc... ) betrachten, aber, wissen Sie, die meisten Firmen gehen nicht deshalb in Konkurs, weil sie kein Grundstück und kein Haus mehr besitzen, sondern sie gehen pleite, weil sie insolvent sind, d.h. weil sie kein Geld mehr haben, um ihre offenen Rechnungen zu bezahlen.
In den letzten Jahren ist im Nottulner Gemeinde-Haushalt der Posten "Zinsen für Kredite" kontinuierlich auf über eine Million DM angestiegen. (Und es geht hier nur um Zinsen, nicht um etwaige Tilgung!). Allein für Kassenkreditzinzen wird die Verwaltung im Jahr 2000 ungefähr 80.000 DM ausgeben! 80.000 DM nur, damit die Gemeinde ihren laufenden Zahlungsverpflichtungen nachkommen kann!
 - Da kommt sich eine sachkundige Bürgerin doch lächerlich vor, wenn sie im Kulturausschuss eine Deckung angeben soll für einen Betrag von 900 DM, den ein Verein als Ausfallbürgschaft haben will - wohlgemerkt eine Bürgschaft, die höchstwahrscheinlich nicht mal zum Tragen käme, weil die geplante Veranstaltung wie vorgesehen stattfindet und keine Verluste von der Gemeinde abgedeckt werden müssten.
Aber der Verein wird verunsichert durch die Entscheidung der Gemeinde, im Notfall nicht mehr einspringen zu wollen.

Überhaupt ist die Entscheidung, bei den Zuschüssen für die Vereine derartig zu kürzen, ein Schlag ins Gesicht der Menschen, die sich ehrenamtlich und uneigennützig für andere Menschen oder die Allgemeinheit engagieren. Dabei ging es ja meist um verhältnismäßig geringe Beträge (s.o.) und so hätte man durchaus eine Ausnahme von dem Prinzip "Wir müssen sparen, also bekommen alle weniger!" machen können. Vor allem, weil eine Gemeinde mit einer derartig schlechten Haushaltslage auf ehrenamtliches Engagement angewiesen ist, - ansonsten würde in vielen Bereichen (denken sie vor allem an die Jugendarbeit und an den Kulturbereich) überhaupt nichts laufen...

Solange ich hier im Rat bin, und das sind inzwischen doch schon ein paar Jahre, ist das alles beherrschende Thema in jeder Haushaltsdebatte: Sparen!

Nun haben wir uns hier im Rat jedes Jahr auf Teufel komm' raus bemüht zu sparen und trotzdem ging es uns jedes Jahr ein bisschen schlechter.
Immer habe ich gesagt: "Die Gemeinde konsolidiert auf Kosten unserer Kinder ihren Haushalt durch den Verkauf von Bauland".  Ich hatte zwar recht, wenn man "auf Kosten unserer Kinder" betrachtet, jedoch in der Einschätzung der Konsolidierung habe ich mich wohl geirrt!

- Denn jetzt stellt das Gemeindeprüfungsamt fest, dass die Gemeinde beim Verkauf von Bauland teilweise noch draufgezahlt hat!
- Es stellt z.B. fest, dass die Gemeinde überflüssigerweise ein Grundstück für fast 100.000,- DM verschenkt hat!
- und es stellt fest, dass die Verwaltung über die ihr zur Verfügung stehenden Geldmittel bei unterschiedlichen Gelegenheiten recht freigiebig verfügt hat (So wurden z.B. Handwerker-Rechnungen pünktlich bezahlt und dabei nichtmal die der  Gemeinde zustehenden 3% Skonto einbehalten!)

Kurz und gut, das Gemeindeprüfungsamt entdeckte auch noch so einige Dinge, die uns glauben machen, dass die Nottulner Finanzmisere nicht alleine die rot-grünen Regierungen zu verantworten haben.
Das, was uns besonders betroffen gemacht hat, war die Erkenntnis, dass da in den letzten Jahren eine Menge am Rat vorbeigelaufen ist. Die Verwaltung informierte den Rat in wirklich wichtigen Dingen gar nicht, unzureichend oder gar falsch - ob bewusst oder unbewusst, das mag dahingestellt bleiben -, und wir hier im Rat mussten  aufgrund dieser Informationen entscheiden.
Da fühlt man sich dann als Ratsfrau vera.. ntwortlich gemacht für Entscheidungen, die man bei einer ordentlichen Information so vielleicht gar nicht getroffen hätte. Nur, -  wir alle, die wir hier sitzen, sind nur Laien, und wir haben im Grunde gar keine andere Wahl als den Fachleuten in der Verwaltung zu vertrauen. Genau dieses Vertrauensverhältnis wurde jedoch massiv gestört.

Vor diesem Hintergrund bekommt natürlich auch ein Satz vom letzten Gemeindedirektor eine ganz andere Bedeutung. Er sagte (Zitat): "Solange ich den Haushalt ohne den Rat mache, ist der Haushalt ausgeglichen!"

Damals haben wir darüber gelacht...

Dies ist die 5. Haushaltsrede in Folge, die ich für die GRÜNEN hier im Nottulner Gemeinderat halte , und irgendwie sind es immer die gleichen Themen, über die ich rede.

Seit 5 Jahren rede ich davon,

- dass die Gemeinde sich sehr teure - zu teure - Gebäude leistet,
- seit 5 Jahren rede ich davon (und nicht nur ich), dass im Ortskern etwas passieren muss,
- dass der Rhodeplatz gestaltet werden muss,
- dass die Gemeinde ihre  - vor allem die hausgemachten - Verkehrsprobleme angehen muss,
- dass wir mehr für unsere Kinder und Jugendlichen tun müssen,
- dass das bereits seit 10 Jahren vorhersehbare Raumproblem der Musikschule gelöst werden muß,
und - vor allem -
- dass wir vorausschauender planen müssen, neue Konzepte für die Ortsentwicklung, für die Baulandentwicklung erarbeiten müssen.

Nun,

- zu den gemeindlichen Gebäuden: Nach vielen Jahren des Nachfragens wissen wir jetzt zumindest, was z.B. Alte Amtmannei und Schulze Frenkings Hof wert sind und was sie uns kosten. Sie werden im Haushaltsbuch zusammen mit einem Wert von 3,5 Mio. DM angegeben. Toll! Nur, was nützt uns das?
Aufgrund der hohen Kosten, die diese Gebäude verursachen, subventioniert die Gemeinde jede Veranstaltung in Schulze Frenkings Hof mit ungefähr 1000 DM und jede Veranstaltung in der Alten Amtmannei mit 500 DM! Das müssen Sie sich mal vorstellen: Jedes Mal, wenn ein Verein in der Alten Amtmannei tagt, kostet das die Gemeinde 500 DM und zu jeder Hochzeitsfeier in Schulze Frenkings Hof schenkt die Gemeinde dem Brautpaar 1000 DM!
Das ist doch nett!
Besser für die Vereine wäre aber doch wohl, würde man sie - nach Verkauf oder Vermietung der Alten Amtmannei - direkt fördern und statt der Alten Amtmannei einen Klassenraum in einer unserer vielen Schulen anbieten;
und dem Hochzeitspaar würde es auch nicht wirklich schaden, würde man versuchen, einer kostendeckenden Bewirtschaftung näher zu kommen.
Und dies nicht nur durch eine Gebührenerhöhung, sondern durch neue Konzepte. Stichpunkte könnten hier sein: Mit-Nutzung durch Jugendarbeit, Altenbegegnungsstätte o.ä., vielleicht auch Vermietung des Spiekers usw...

- bei der Ortskernentwicklung scheint man resigniert zu haben - was vor kurzem an der Oststraße noch "Fehlentwicklung" hieß, wird jetzt offensiv gefördert; besonders die SPD träumt ja inzwischen von der Flaniermeile von Kreisverkehr zu Kreisverkehr - in meinen Augen sehr bedenklich für die Ortskernentwicklung; (ich persönlich könnte mir zum Beispiel auch gut vorstellen, dass die Alte Amtmannei z.B. an eine Galerie oder ein Lampengeschäft vermietet würde).

- Rhodeplatz - Fehlanzeige;

- Verkehrsprobleme:  Nun, der Bau einer Umgehungsstrasse wird sicherlich nicht die Lösung all unserer Verkehrsprobleme sein, wie uns die Befürworter in CDU und SPD gerne weismachen wollten! Dies hat die Diskussion im Herbst diesen Jahres nach der Vorstellung der Linienführung von Herrn Niggemeier ja wohl deutlich gezeigt!
Nach wie vor wird der Autofahrer in Nottuln absolut bevorzugt behandelt im Vergleich zu Fußgängern und Fahrradfahrerinnen.
Selbst Bus-Wartehäuschen zu bauen, scheint ein sehr schweres Unterfangen zu sein. Seit 1998 ist ein entsprechender Haushaltsansatz veranschlagt, aber bis heute ist nicht ein kleines Buswartehäuschen dazugekommen.

- Jugendarbeit in Nottuln - hier werden die Jugendlichen im nächsten Jahr sehr zurückstecken müssen, da das KOT geschlossen wird und ein Ersatz nicht in Sicht ist; auch der Zuschuss für den Trägerverein wurde bis an die Schmerzgrenze (oder sogar darüber hinaus?) gekürzt;

Raumprobleme Musikschule - Fehlanzeige (und im nächsten Jahr wird es nun endgültig ernst);

- und bei einem umfassenden Konzept für die Gemeinde Nottuln, nach dem Motto: Wo will Nottuln überhaupt hin mit seiner Baulandpolitik? sind Rat und Verwaltung leider auch noch nicht besonders weit gekommen.

Sie werden verstehen, dass wir nach so wenig Änderungen in den Themen auch unsere Meinung bezüglich des Haushalts nicht ändern können:

Wir lehnen den Haushalt 2001 ab!

So, da dieser Satz nun raus ist, möchte ich auch noch ein paar positive Aussagen loswerden:

- Gut finden wir in diesem Jahr das Haushaltsbuch - also, ich meine die zahlenmäßige Darstellung dieses Trauerspiels. Es ist übersichtlich und gut lesbar. Wir konnten gut damit arbeiten, und manche Zahlen berechnen, die vorher eher zu den großen Geheimnissen der Verwaltung gehört hatten. Dafür möchten wir vor allem Frau Block und Herrn Fallberg unseren Dank aussprechen (wenn der Inhalt so gut wäre wie die äußere Form, wären wir schon ein gutes Stück weiter)

- Gut finden wir, dass sich zwischen Rat und Verwaltungsspitze nach den nicht immer guten Erfahrungen der letzten Jahre wieder ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hat - wahrscheinlich kehren neue Besen doch besser...

- Gut finden wir, dass wir hier in Nottuln im nächsten Jahr nun endlich mit der Entwicklung einer lokalen Agenda 21 anfangen werden. Und gut finden wir daran auch, dass alle Fraktionen im Rat dahinterstehen (In diesem Fall muss ich das Wort Fraktionen leider besonders betonen, aber vielleicht können wir ja mit unserer Begeisterung auch noch Herrn Walter überzeugen...).
Vielleicht kommen Rat und Verwaltung ja mithilfe dieses Agenda-Prozesses, an dem sich hoffentlich viele, viele Menschen aus Nottuln beteiligen, zu vorausschauenderen, ökologischeren, nachhaltigeren Denk- und Handlungsansätzen  ...  und vielleicht wächst damit auch der Mut, wirklich etwas verändern zu wollen und mit neuen Ideen eine bessere Zukunft für Nottuln zu schaffen!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

(Sigrid Bürger (Fraktionssprecherin)) 

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