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Kämmerer Klaus Fallberg zur Einbringung des Haushaltes 2006
Sehr
geehrter Herr Bürgermeister,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich
möchte meine diesjährige Haushaltsrede gerne mit einem Zitat
beginnen.
Ein
ranghoher amerikanischer Regierungsbeamter hat einmal gesagt:
„Das
Aufstellen eines Budgets ist die Kunst, Enttäuschungen gleichmäßig
zu verteilen.“
Und
die Enttäuschungen sind in diesem Jahr so groß wie noch nie.
Auf
Seiten der Vereine, Verbände und Institutionen, stehen doch viele
freiwillige Leistungen und Zuschüsse auf dem Prüfstand. Auf Seiten
der Politik, konnten doch viele wünschenswerte und lohnende
Projekte (bisher) keine Berücksichtigung finden. Und auf Seiten der
Verwaltung, führen doch alle noch so schmerzhaften Kürzungen noch
nicht im Entferntesten zu einer Haushaltskonsolidierung.
Diese
bittere Erkenntnis hat nach reiflicher Überlegung bei mir zu dem
Ergebnis geführt, Ihnen heute keine Folien an die Wand zu werfen,
keine Zahlen zu Aufwand und Ertrag zu präsentieren, keine Aussagen
über die Höhe des Defizites zu machen. Das können Sie den
Haushaltsunterlagen ja schließlich selber entnehmen. Nein, diese
Erkenntnis hat mir deutlich gemacht, dass dieser Weg der
schrittweisen Steuererhöhungen, des scheibchenweisen Beschneidens
der freiwilligen Zuschüsse, des Herumdokterns an gemeindlichen
Standards uns mittelfristig auch nicht einen Schritt weiterbringen
wird. Was wir brauchen, ist ein gemeinsamer Kraftakt, um alte
Strukturen aufzubrechen, ohne jegliches Tabu.
Meinen
Damen und Herren, wir sind an einem Punkt, an dem wir das gesamte
Gemeinwesen Gemeinde Nottuln einschl. seiner Kommunalverwaltung
einer kritischen Prüfung unterziehen müssen. Wir müssen uns
befreien von dem Glauben, dass Bund, Land oder Kreis in der Lage
sein werden, die Situation der Städte und Gemeinden nachhaltig zu
verbessern. Das können nur wir selber. Rat und Verwaltung werden
nicht mehr in der Lage sein, all die etablierten und mit Recht
liebgewonnenen Zuwendungen zu gewähren.
Wenn
Ortsteildenken, dann bitte nur mit Synergieeffekten für die anderen
Ortsteile. Wenn ehrenamtlich tätig, dann bitte mit größtmöglicher
finanzieller Eigenständigkeit. Wir werden uns fragen müssen, wie
viel Feuerwehr wir uns leisten können, leisten müssen. Wir werden
klären müssen, wie die Schullandschaft innerhalb der
Baumberge-Gemeinden zukünftig aussehen wird. Wir werden das bürgerschaftliche
Engagement, das schlummert, wenn die politische Gemeinde der
Auffassung ist, Dinge bestens zu regeln, wieder stärker in den
Mittelpunkt rücken müssen. Und auch die Gemeindeverwaltung wird
sich in den nächsten Jahren massiv verändern müssen. Wir, die
Gemeindeverwaltung, müssen den Menschen vorleben, dass Veränderung
wichtig und richtig ist. Und vielleicht auch weh tut, auch uns. Natürlich
auch uns. Wir werden uns neu aufstellen müssen, um den
Anforderungen der Zukunft gerecht werden zu können.
Wichtig
wird aus meiner Sicht sein, der Gemeindeverwaltung ein vollkommen
neues Gesicht zu geben. Wir werden alte Strukturen, altes Denken
aufbrechen müssen, um Platz zu schaffen für Innovation und moderne
Betriebsformen. Wir werden uns betriebswirtschaftlich sinnvoller
aufstellen und uns fragen müssen, welche Aufgaben Verwaltung
wirklich wahrnehmen muss und wie diese Aufgaben wirtschaftlicher
durchgeführt werden können. Das Spektrum reicht von gesetzlich
detailliert vorgeschriebenen Aufgaben bis hin zu Dienstleistungen,
die sich nach Markt- und Wettbewerbskriterien messen lassen müssen.
Die Arbeitsabläufe reichen von Bürotätigkeiten bis hin zu
komplizierten technischen Abläufen mit Gefahrenpotentialen für die
Bürger. Darüber hinaus sind die Zielkategorien für die kommunalen
Aufgaben unterschiedlich festzulegen. Während hoheitliche Aufgaben
primär nach Ordnungsmäßigkeitsgesichtspunkten erledigt werden,
stehen bei betrieblichen Aufgaben Wirtschaftlichkeitsziele im
Vordergrund. Dieser Unterschiedlichkeit muss durch die Organisation
Rechnung getragen werden. Eine Vermischung der Aufgaben im
kommunalen Haushalt und eine Wahrnehmung der Verantwortung durch
unterschiedliche Ausschüsse kann nicht das Zukunftsmodell sein.
Mein
Denkansatz geht von einer Verwaltung aus, die aus 3 Säulen besteht.
Die 1. Säule umfasst die hoheitlichen Aufgaben. Wir müssen wieder
dahin kommen, dass die Gemeindeverwaltung ausschließlich
hoheitliche Aufgaben wahrnimmt. Sicherheit und Ordnung, Soziale
Hilfen, Schulträgerangelegenheiten, das sind die wesentlichen
Aufgaben. Das ist der reine Verwaltungsbereich und hier müssen wir
zu einer wirtschaftlich sinnvollen Aufgabenwahrnehmung kommen,
vielleicht auch durch Kooperationen. Denkbar ist ein
Organisationsmodell in Form von Front-Office und Back-Office. Im
Front-Office erfolgt die Beratung, die Entgegennahme von Anträgen
sowie die Prüfung der Unterlagen auf Vollständigkeit bürgernah
vor Ort. Geeignete Aufgaben werden im Back-Office-Bereich in
Zusammenarbeit mit anderen Kommunen und/oder mit privaten Partnern
erledigt. Alle Aufgaben/Arbeitsschritte, die nicht im unmittelbaren
Kontakt mit dem Bürger erledigt werden müssen, kommen für eine
interkommunale Kooperation in Betracht. Durch eine elektronische
Unterstützung der Vorgangsbearbeitung können viele Aufgaben im
Rahmen eines „Work-Flows“ wahrgenommen werden. Die eigentliche
Vorgangsbearbeitung findet unter Nutzung von Synergieeffekten
interkommunal an einem zentralen Standort statt.
Verwaltungsleistungen können so effizienter und effektiver
angeboten werden, ohne Einbußen bei der Servicequalität hinnehmen
und ohne die kommunale Selbstverwaltung aufgeben zu müssen.
Die
2. Säule, ich nenne sie betriebliche Aufgaben wie Wasserversorgung,
Wasserentsorgung, Bauhof, aber auch Grünpflege, Straßenunterhaltung,
Gebäudeunterhaltung usw. müssen wir außerhalb des Haushaltes bündeln
in einer Betriebsform, die eine effiziente Aufgabenerledigung
unterstützt. Und wir müssen eine Betriebsform finden, die es uns
erlaubt, mit unserem Know-how am Wettbewerb teilzunehmen.
Organisatorisch wird zwischen Gemeindeverwaltung und dem Betrieb ein
Auftraggeber - Auftragnehmerverhältnis aufgebaut. Die Verwaltung
kauft zu bestimmten Konditionen Dienstleistungen ein. Die
Entgeltbemessung orientiert sich dabei an Vergleichswerten
effizienter privater Unternehmen. Dadurch ist der Betrieb gezwungen,
mittelfristig Kostenstrukturen zu entwickeln, die markt- und
wettbewerbsfähig sind.
Die 3. Säule muss
differenzierter betrachtet und realisiert werden. Hier fließen
unsere internen Serviceleistungen und die freiwilligen Aufwendungen
ein. Bezüglich unserer internen Serviceleistungen müssen wir
folgende Fragen beantworten: Muss jede Stadt- oder
Gemeindeverwaltung eine eigene Finanzabteilung, Personalabteilung,
Organisationsabteilung haben? Müssen wir unsere Finanzbuchhaltung
selber machen oder bietet sich dieser Teilbereich für ein
Outcourcing an? Warum können wir nicht für oder auch mit unseren
Nachbarkommunen eine kommunale Dienstleistungsgesellschaft oder
etwas ähnliches gründen, statt an mehreren Orten für teures Geld
das gleiche Know-how vorzuhalten? Einmal schulen ist preiswerter als
dreimal schulen. Unter gewissen Umständen könnten sogar Drittgeschäfte
generiert werden.
Und
wir sollten prüfen, ob es rechtlich zulässig ist, eine Art „Investitions
GmbH“ zu gründen, die wir für Umsatzsteuervorteile nutzen könnten.
Sollte es uns gelingen, eine vorsteuerabzugsberechtigte Betriebsform
zu gründen, die für die Verwaltung die Einkäufe tätigt, könnten
enorme Steuervorteile generiert werden.
Kommen
wir jetzt zum großen Block der freiwilligen Aufgaben. Freiwillige
Aufgaben in den Bereichen Kultur, Sport, Freizeit oder Bildung gehören
in das Aufgabenspektrum einer jeden Kommune. Dies gilt auch in der
Zeit der Haushaltssanierung. Allerdings sind die Prioritäten zu
definieren und die Art der Finanzierung neu zu entwickeln. Konkret
geht es darum, das Angebot an Leistungen im Kultur-, Sport-,
Freizeit- und Bildungsbereich zu erhalten, gegebenenfalls sogar
auszubauen und gleichzeitig einen Weg zu finden, wie diese Aufgaben
mittelfristig außerhalb des kommunalen Haushaltes nachhaltig
finanziert werden können. In diesem Zusammenhang kommt den
sogenannten Bürger- oder Kommunalstiftungen besondere Bedeutung zu.
In einigen deutschen Kommunen gibt es hochinteressante Modelle, bei
denen Bürgerinnen und Bürger sich ab einem bestimmten Betrag an
einer Stiftung beteiligen und ihren Beitrag steuerlich absetzen können.
Die Erträge fließen zu einem Drittel in die Arbeit der Stiftung,
ein Drittel wird zur Erhöhung des Stiftungsvermögens verwendet und
das letzte Drittel fließt dem Stifter bzw. seinen Angehörigen als
Versorgungsleistung zu. Das sollten wir intensiv miteinander
diskutieren.
Meine
sehr geehrten Damen und Herren, ich möchte nicht den Eindruck
vermitteln, als hätte ich ein fertiges Konzept in der Tasche, das
nur noch umgesetzt werden müsste und dann wird alles gut.
Aber
wir waren im Kreis Coesfeld und im Münsterland bei der Einführung
des Neuen Kommunalen Finanzmanagements schon einmal Vorreiter. Und
die Erkenntnisse aus der
Doppik führen zwangsläufig dazu, Entwicklungen früher zu erkennen
und zu begreifen. Und ich sehe die Gemeinde Nottuln bei der
Umsetzung der Erkenntnisse aus dem NKF wieder in der Vorreiterrolle.
Sicher
sind auch Visionen dabei, die sich nur schwer oder gar nicht
realisieren lassen werden. Sicher werden wir große Widerstände spüren
und diese überwinden müssen. Und es muss auch nicht das von mir
dargestellte Konzept sein, das eins zu eins umgesetzt werden muss.
Es wird sicher auch andere gangbare Wege geben. Aber ich möchte sie
inständig bitten, gemeinsam mit der Verwaltung eine nachhaltige und
zukunftsorientierte Veränderung des Gemeinwesens Nottuln auf den
Weg zu bringen. Und Anlass zur Hoffnung besteht, wenn wir mutig an
die uns gestellten Aufgaben herangehen. Wie sagte einst der 1977
verstorbenen deutsche Philosoph Ernst Bloch: „Wenn wir zu hoffen
aufhören, kommt, was wir befürchten.“
Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen sehr für Ihre
Aufmerksamkeit. |