Ich wollt, ich wär kein Huhn
Kabarett-Veranstaltung mit Homophon:
Verwegene Texte und ein Hauch von Tragik
Nottuln. Zur traditionellen
Kabarett-Veranstaltung hatte Bündnis90/Die Grünen in diesem Jahr
Homophon, den ersten schwulen Männerchor Münsters, geladen. Mit
dem neuen Programm "The fabulous Chickendales" unterhielt
der elfköpfige A-Cappella-Chor das Publikum am Freitagabend im
Forum des Gymnasiums aufgebrezelt mit grotesk komischen Kostümen,
schillerndem Geschmeide, schrillen Schminktricks, neu arrangierten
Liedern, verwegenen Texten und kabarettistischer Moderation.
Im ersten Teil wurde dem Publikum ein Wunschkonzert präsentiert: Da
wünscht sich eine "langzeitbetrogene" Gattin "Zusammen
leben" von Milva, eine Ehefrau, der ständig heimlich
Cocktailkleid und Pumps entführt werden, ahnt Schlimmes und möchte
"Lean on me" von Bill Withers hören und eine weitere
steht auf "dirty talk" und bittet ihren Mann, ihr etwas
ganz Schmutziges zu sagen. Dem fällt nur "Küche" ein...
Für jedes Lied, sehr gesanglich und mit chromatischen Harmonien
fein intoniert, stellt sich der Chor neu auf. Eine Stimmgabel wird
aus einem goldenen Handtäschchen gekramt, angeschlagen, weggepackt,
das Täschchen nach Gebrauch sorgsam wieder verschlossen. Alles mit
penetranter Unaufdringlichkeit. Auch der Gesang bleibt zurückgenommen,
nie bissig, eher anlehnungsbedürftig und weich im Klang.
Verlangsamt und seltsam temperamentlos, gerade dadurch urkomisch,
wirkt das im russischen Stil gegebene "Schwarze Balalaika"
mit dem verschleppten "Sascha, komm zurück". Und
gleichzeitig schwingt etwas Unerwartetes mit: ein Hauch von Tragik
und die Melancholie unerfüllter Sehnsüchte.
Nach der Pause betritt ein aufgescheuchtes, weißgefiedertes Hühnervölkchen
die Bühne, wackelt mit den feuerroten Kämmen und scharrt mit teils
sehr hochhackigen und ebenfalls sehr roten Kratzefüßen. Der Ton,
der die Musik macht, wird für jeden Einsatz vom seitwärts
geparkten Flügel abgenommen. Dazu muss das Oberhuhn oder war es ein
Hahn? unendlich oft treppab von der Bühne stöckeln und den ganzen
langen Weg wieder zurück.
Einfach köstlich, wie solche Kleinigkeiten die Choreografie und die
aus Legebatterien bewährte Käfighaltungsaufstellung ins rechte
Licht setzen. Die armen Freilufthühner, die im Winter draußen
bleiben müssen.
Das Liedgut wurde zotiger, drastischer, derb und behandelte wichtige
Fragen aus dem Leben des Federviehs. Es wurde deutlich, dass die
Familie der geflügelten Wesen einiges mit der Menschengattung
gemein hat, vor allem den aufrechten Gang. Und auch den Wunsch,
fliegen zu können "I believe I can fly", oder etwas ganz
anderes zu sein "Ich wollt ich wär kein Huhn" kennen
nicht nur Hühner. Man pellt sich aus dem Ei, um sich gleich wieder
in Schale zu werfen. Man liebt den "Maskenball im Gänsestall"
und fürchtet alle Speisekarten, die Hühnersuppe mit Eierstich -
ein "Mutter-Kind-Massaker" - anbieten. Und auch die aus
Abfällen hergestellten Chicken McNuggets - "das Auge isst man
mit" - wird sicher niemand aus dem begeisterten Publikum mehr
anrühren.
Sabine Damhorst |